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Machen deine Patient:innen ihre Übungen wirklich? Das sagt die Forschung

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Du schickst eine Patientin mit einem Übungsplan nach Hause. Drei Wochen später bei der Kontrolle stellt sich heraus, dass die Hälfte nie gemacht wurde. Das ist kein Pech und keine schlechte Motivation; das ist die Regel.

Wie groß ist das Problem

Genaue Prozentzahlen sind hier schwierig. Eine Übersicht systematischer Reviews von 2024 hält fest, dass die Non-Adhärenz in der Physiotherapie bis zu 70 Prozent erreichen kann, gerade bei unbegleiteten Heimübungsprogrammen (Ley & Putz, 2024). Argent und Kollegen kommen in JMIR mHealth and uHealth auf bis zu 50 Prozent (Argent et al., 2018).

Warum so viele unterschiedliche Zahlen kursieren, zeigt eine systematische Übersicht in BMJ Open. Bollen und Kolleginnen fanden 58 Studien, die zusammen 61 verschiedene Arten verwendeten, Therapietreue zu messen: 29 Fragebögen, 29 Protokolle, zwei visuelle Analogskalen und einen Zähler. Von all diesen Instrumenten schnitten zwei bei einer einzigen psychometrischen Eigenschaft positiv ab. Die Mehrheit war nie auf Validität oder Reliabilität geprüft worden (Bollen et al., 2014).

Das ist der ehrliche Stand: Dass Therapietreue ein großes Problem ist, steht fest. Jede exakte Prozentzahl, die dir begegnet, stammt aus einem Messinstrument, das vermutlich nicht validiert ist.

Warum machen Patientinnen ihren Plan nicht

Eine systematische Übersicht in Manual Therapy wertete zwanzig qualitativ hochwertige Studien zu Barrieren der Therapietreue in der muskuloskelettalen Physiotherapie aus (Jack et al., 2010). Starke Evidenz gab es für: wenig körperliche Aktivität im Vorfeld, geringe Therapietreue während der Behandlung selbst, niedrige Selbstwirksamkeit, Depression, Angst, Hilflosigkeit, wenig soziale Unterstützung, viele wahrgenommene Hürden für Bewegung und mehr Schmerz beim Üben.

Eine neuere Übersicht in Musculoskeletal Science and Practice identifizierte dreizehn beeinflussbare Determinanten in 28 Studien (Chester et al., 2023). Die drei häufigsten: Selbstwirksamkeit, soziale Unterstützung und ob die Patientin die Übung als sinnvoll erlebt.

Der rote Faden: Das Problem liegt selten bei den Übungen. Es liegt daran, wie die Patientin sie erlebt, ob sie in ihre Woche passen und ob sie sich das zutraut.

Was digitale Unterstützung bringt

Kurzfristig wirkt es

Eine systematische Übersicht randomisierter Studien in Archives of Physiotherapy bündelte zehn RCTs mit insgesamt 1.117 Teilnehmenden (Lang et al., 2022). Sieben der zehn fanden einen signifikanten Unterschied in der Therapietreue zugunsten der digitalen Intervention. Drei fanden keinen Unterschied.

Diese drei sind die interessanten. Es waren genau die Studien mit der längsten Nachbeobachtung. Die Autoren schließen entsprechend, dass digitale Unterstützung die Therapietreue kurzfristig wahrscheinlich erhöht und der längerfristige Effekt unsicher bleibt.

Video hilft bei der Ausführung

Diese Evidenz ist älter und belastbarer als die digitale. In einer randomisierten Studie in Physical Therapy erlernten Teilnehmende ein Übungsprogramm per Live-Anleitung, per Video oder über einen Papierausdruck. Die Ausdruck-Gruppe machte mehr als doppelt so viele Fehler wie die beiden anderen, zwischen Live und Video war kein Unterschied nachweisbar (Reo & Mercer, 2004). Eine spätere Studie fand ein Video, das häufige Fehler zeigte und korrigierte, ebenso wirksam wie eine einzelne Instruktionssitzung bei der Physiotherapie (Berkoff et al., 2016). Ausführlicher haben wir das unter Video versus Papier behandelt.

Zur Therapietreue selbst untersuchte eine Meta-Analyse in Telemedicine and e-Health Heimübungsprogramme per Video bei über 65-Jährigen: 26 Studien, 1.292 Teilnehmende, eine gewichtete Retention von 91,1 Prozent und eine Teilnahmequote von 85,0 Prozent (Rihova et al., 2024). Zwei weitere Befunde derselben Analyse verdienen Beachtung: Längere Einheiten senkten die Teilnahme deutlich, und Programme ohne Live-Kontakt zu einer Begleitperson schnitten schlechter ab als Sitzungen mit diesem Kontakt.

Niederländische Daten

Das niederländische Programm e-Exercise wurde in einer cluster-randomisierten Studie bei Menschen mit Hüft- oder Kniearthrose untersucht (Kloek et al., 2018). Das Ergebnis ist differenzierter, als es meist wiedergegeben wird: Bei den primären Endpunkten war e-Exercise nicht wirksamer als reguläre Physiotherapie. Beide Gruppen verbesserten sich. Der Unterschied lag im Aufwand: Die e-Exercise-Gruppe hatte im Schnitt fünf Präsenztermine, die Kontrollgruppe zwölf.

Gleichwertige Ergebnisse bei weniger als der Hälfte der Kontakte ist ein relevantes Resultat. Es ist nur eine andere Aussage als „digital wirkt besser".

Was Apps noch fehlt

Eine systematische Übersicht in JMIR mHealth and uHealth bewertete patientenorientierte Physiotherapie-Apps danach, welche Techniken zur Verhaltensänderung darin verbaut sind (Merolli et al., 2024). Genau diese Techniken, um die es bei Verhaltensänderung in der Physiotherapie geht, fehlen häufig. Eine neuere Bewertung von Verordnungs-Apps für den professionellen Einsatz kommt zu einem ähnlichen Urteil über die klinische Brauchbarkeit (Wu et al., 2026).

Es gibt also einen Markt, aber die Qualität schwankt.

Es ist nicht immer besser

Ein ehrlicher Hinweis: Nicht jede Studie zeigt einen Vorteil. Eine randomisierte Untersuchung in BMJ Open gab Kindern mit Zerebralparese und anderen Entwicklungsstörungen ihr Heimübungsprogramm acht Wochen lang über eine Online-Plattform oder auf Papier (Johnson et al., 2020). Der Anteil ausgeführter Übungen unterschied sich nicht signifikant: 62,8 gegenüber 55,8 Prozent. Auch bei den zielbezogenen Ergebnissen gab es keinen Unterschied. Beide Gruppen verbesserten sich.

Wirksamkeit hängt von der Zielgruppe ab, vom Kontext und davon, wie das Mittel eingesetzt wird. Bei Kindern, wo die Eltern der Motor sind, brachte die Plattform nichts über einen Ausdruck hinaus.

Fazit

Therapietreue bei Heimübungen ist ein großes und hartnäckiges Problem. Digitale Unterstützung hilft kurzfristig nachweislich; längerfristig ist die Evidenz dünn. Der stärkste Befund betrifft nicht die Technik, sondern die Anleitung: Bewegtbild führt zu einer korrekteren Ausführung als ein Ausdruck mit Bildern, und das gilt seit zwanzig Jahren.

Du willst die zugrunde liegenden Studien selbst nachlesen? Wir haben 23 Untersuchungen zu Anleitung, Heimübungsprogrammen und digitaler Versorgung zusammengefasst und nach Themen sortiert auf unserer Forschungsseite, auch die Studien ohne Unterschied.


Quellen

  • Argent, R., Daly, A. & Caulfield, B. (2018). Patient Involvement With Home-Based Exercise Programs: Can Connected Health Interventions Influence Adherence? JMIR mHealth and uHealth, 6(3), e47. PMID 29496655
  • Ley, C. & Putz, P. (2024). Efficacy of interventions and techniques on adherence to physiotherapy in adults: an overview of systematic reviews and panoramic meta-analysis. Systematic Reviews, 13, 137. PMID 38773659
  • Bollen, J.C. et al. (2014). A systematic review of measures of self-reported adherence to unsupervised home-based rehabilitation exercise programmes, and their psychometric properties. BMJ Open, 4(6), e005044. PMID 24972606
  • Jack, K., McLean, S.M., Moffett, J.K. & Gardiner, E. (2010). Barriers to treatment adherence in physiotherapy outpatient clinics: a systematic review. Manual Therapy, 15(3), 220-228. PMID 20163979
  • Chester, R. et al. (2023). Behaviour Change Techniques to promote self-management and home exercise adherence for people attending physiotherapy with musculoskeletal conditions. Musculoskeletal Science and Practice, 66, 102776. PMID 37301059
  • Lang, S., McLelland, C., MacDonald, D. & Hamilton, D.F. (2022). Do digital interventions increase adherence to home exercise rehabilitation? A systematic review of randomised controlled trials. Archives of Physiotherapy, 12(1), 24. PMID 36184611
  • Reo, J.A. & Mercer, V.S. (2004). Effects of live, videotaped, or written instruction on learning an upper-extremity exercise program. Physical Therapy, 84(7), 622-633. PMID 15225081
  • Berkoff, D.J. et al. (2016). Corrected error video versus a physical therapist instructed home exercise program. International Journal of Sports Physical Therapy, 11(5), 757-764. PMID 27757288
  • Rihova, M. et al. (2024). Adherence and Retention Rates to Home-Based Video Exercise Programs in Older Adults: Systematic Review and Meta-Analysis. Telemedicine and e-Health, 30(11), 2649-2661. PMID 39072676
  • Kloek, C.J.J. et al. (2018). Effectiveness of a Blended Physical Therapist Intervention in People With Hip Osteoarthritis, Knee Osteoarthritis, or Both: A Cluster-Randomized Controlled Trial. Physical Therapy, 98(7), 560-570. PMID 29788253
  • Merolli, M. et al. (2024). Evaluation of Patient-Facing Mobile Apps to Support Physiotherapy Care: Systematic Review. JMIR mHealth and uHealth, 12, e55003. PMID 38437018
  • Wu, C.-H., Chang, C.-N. & Chang, C.-F. (2026). Clinical Usability of Exercise Prescription Apps for Professional Use: Systematic Review and Multidimensional Evaluation. JMIR mHealth and uHealth. DOI 10.2196/77616
  • Johnson, R.W. et al. (2020). Can an online exercise prescription tool improve adherence to home exercise programmes in children with cerebral palsy and other neurodevelopmental disabilities? BMJ Open, 10(12), e040108. PMID 33371023